Hochheim am Main · ausgewählte Spezialfälle in Frankfurt
(+49) 0176 22856872
info@geromayer.de

Kontaktlinsen bei Keratokonus: Auswahl, Eingewöhnung und langfristige Betreuung

Der Augenoptikermeister

Kontaktlinsen bei Keratokonus: Auswahl, Eingewöhnung und langfristige Betreuung

Symbolbild einer Kontaktlinse im geöffneten Behälter mit Spaltlampe im Hintergrund

Bei Keratokonus stehen unterschiedliche Kontaktlinsensysteme zur Verfügung. Weiche Spezialkontaktlinsen, corneale formstabile Kontaktlinsen und Sklerallinsen können jeweils eine passende Versorgung ermöglichen. Entscheidend ist nicht, welches System allgemein als besonders modern oder als „Gamechanger“ bezeichnet wird, sondern welches für das einzelne Auge und den Alltag tatsächlich geeignet ist.

Dafür reicht der erste Eindruck nach dem Aufsetzen nicht aus. Ebenso wenig bedeutet ein schwieriger Einstieg automatisch, dass ein Linsensystem ungeeignet ist. Beschwerden müssen eingeordnet, mögliche Ursachen geprüft und Veränderungen im Verlauf berücksichtigt werden.

Unterschiedliche Prinzipien, keine feste Rangfolge

Corneale formstabile Kontaktlinsen werden auf der Hornhaut angepasst. Sklerallinsen bestehen ebenfalls aus formstabilem Material, überbrücken jedoch die Hornhaut mit einem Flüssigkeitsreservoir und liegen auf der Bindehaut über der Lederhaut auf. Weiche Keratokonuslinsen besitzen wiederum andere geometrische und optische Eigenschaften.

Diese Unterschiede beeinflussen Anpassung, Handhabung und Trageverhalten. Sie begründen aber keine allgemeingültige Reihenfolge von „einfach“ bis „überlegen“. Auch die Entscheidung für das rechte und linke Auge muss nicht gleich ausfallen.

Pentacam-Demobeispiel mit Hornhautvorderfläche, Hornhautrückfläche und getrennten ABCD-Komponenten
Pentacam-Demodatensatz aus unserem Beitrag zur Stadieneinteilung und Verlaufskontrolle. Die Messung beschreibt die Hornhaut; die passende Kontaktlinsenversorgung wird zusätzlich am Auge und im Alltag beurteilt.

Eingewöhnung und tägliche Tragezeit unterscheiden

Bei Beschwerden sind zwei Zeitverläufe auseinanderzuhalten: die Eingewöhnung über Tage und Wochen und Veränderungen innerhalb eines einzelnen Tragetages.

Corneale formstabile Kontaktlinsen können anfangs deutlich wahrgenommen werden. Ob diese Wahrnehmung im Rahmen einer begleiteten Eingewöhnung nachlässt oder eine Veränderung der Anpassung erforderlich ist, muss individuell beurteilt werden. Eingewöhnung bedeutet nicht, Schmerzen oder auffällige Befunde zu akzeptieren. Evidenz- und konsensbasierte Empfehlungen zur Keratokonusversorgung berücksichtigen deshalb sowohl den Linsensitz als auch einen abgestimmten Tragezeitaufbau und Nachkontrollen. Ortiz-Toquero et al., 2021

Umgekehrt belegt ein angenehmer erster Trageeindruck noch nicht, dass eine Linse auch nach mehreren Stunden unverändert funktioniert. Das gilt insbesondere dann, wenn Beschwerden erst im Tagesverlauf auftreten.

Beschwerden sind ein Ausgangspunkt für die Untersuchung

„Die Linse brennt“ oder „das Sehen wird schlechter“ beschreibt zunächst ein Symptom, noch keine Ursache. Für die weitere Beurteilung sind unter anderem folgende Fragen wichtig:

  • Tritt das Problem unmittelbar nach dem Aufsetzen oder erst nach mehreren Stunden auf?
  • Betrifft es ein Auge oder beide Augen?
  • Wie verhalten sich Linsensitz, Bewegung, Zentrierung und Randbereiche?
  • Sind Oberfläche, Benetzung, Ablagerungen oder Beschädigungen auffällig?
  • Wie werden Reinigung, Desinfektion, Aufbewahrung und gegebenenfalls das Befüllen tatsächlich durchgeführt?
  • Welche Befunde zeigen Augenoberfläche und Lider?

Dass nicht allein der Schweregrad des Keratokonus über den Komfort entscheidet, zeigte bereits eine Auswertung der CLEK-Studie mit 751 Augen. Eine zu geringe periphere Unterspülung war mit geringerem berichteten Komfort verbunden; die untersuchten Maße der Erkrankungsschwere dagegen nicht. Als Beobachtungsanalyse beweist die Untersuchung keine individuelle Ursache, unterstreicht aber die Bedeutung einer differenzierten Sitzbeurteilung. Edrington et al., 2004

Was direkte Vergleichsstudien zeigen

Eine randomisierte Crossover-Studie verglich corneale formstabile Kontaktlinsen und Sklerallinsen bei Menschen mit Keratokonus oder anderen Hornhautektasien. Von 34 aufgenommenen Personen schlossen 30 die Untersuchung ab. Alle waren zuvor bereits erfolgreiche Träger cornealer formstabiler Kontaktlinsen.

Im Durchschnitt wurden die Sklerallinsen als komfortabler bewertet. Bei Sehschärfe, Kontrastempfindlichkeit und den weiteren untersuchten Ergebnissen zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede. Am Ende bevorzugten 53 Prozent die cornealen und 47 Prozent die skleralen Linsen; auch dieser Unterschied war nicht signifikant.

Das Ergebnis ist weder ein Beleg dafür, dass beide Systeme für jeden Menschen gleichwertig sind, noch für eine allgemeine Überlegenheit. Es zeigt, dass durchschnittlicher Komfort und persönliche Versorgungsentscheidung nicht dasselbe sind. Die ausgewählte Patientengruppe und die begrenzte Teilnehmerzahl müssen bei der Übertragung berücksichtigt werden. Levit et al., 2020

Warum die Beurteilung nach längerer Tragezeit wichtig ist

Sklerallinsen verändern ihre Position auf dem Auge während des Tragens. In einer Untersuchung mit elf Keratokonuspatienten und 22 Augen nahm die zentrale Überbrückung innerhalb von acht Stunden durchschnittlich um rund 63 Mikrometer ab. Etwa 80 Prozent dieser Veränderung traten innerhalb der ersten vier Stunden auf. Die Unterschiede zwischen den Augen waren erheblich.

Das ist keine Vier-Stunden-Grenze für verträgliches Tragen. Es beschreibt einen dynamischen Vorgang, der bei der Anpassung berücksichtigt werden muss. Die Untersuchung belegt auch nicht, dass dieses Einsinken zwangsläufig Beschwerden verursacht. Esen und Toker, 2017

Auch verschwommenes Sehen verlangt eine genauere Zuordnung. Eine schlecht benetzte Vorderfläche ist etwas anderes als eine Trübung im Flüssigkeitsreservoir. In einer kleinen Untersuchung mit 19 Sklerallinsenträgern wurden unter anderem Entzündungszellen im Reservoir nachgewiesen; eine größere Überbrückung war mit Fogging assoziiert. Daraus lässt sich jedoch weder eine einzige Ursache für jedes Fogging noch eine allgemeine Häufigkeit für alle Sklerallinsenträger ableiten. Postnikoff et al., 2019

Wann ist welches System sinnvoll?

Die Entscheidung richtet sich nach erreichbarer Sehqualität, Augenbefund, Sitz, Verträglichkeit, Handhabung und benötigter Tragezeit. Eine bestehende Versorgung sollte weder vorschnell aufgegeben noch trotz unzureichenden Ergebnisses unbegrenzt fortgeführt werden.

Auch weiche Spezialkontaktlinsen gehören zu den Möglichkeiten. Eine Crossover-Untersuchung mit 20 Personen mit frühem Keratokonus zeigte beispielsweise brauchbare Ergebnisse mit zwei unterschiedlichen weichen Speziallinsendesigns. Untersucht wurden allerdings nur jeweils zwei Wochen Tragezeit und keine direkte Überlegenheit gegenüber cornealen formstabilen Kontaktlinsen oder Sklerallinsen. Gal et al., 2024

Ein Systemwechsel braucht deshalb ein konkretes Ziel: Welches Problem soll er lösen? Welche Möglichkeiten der bisherigen Versorgung sind noch offen? Und woran wird anschließend beurteilt, ob der Wechsel tatsächlich geholfen hat?

Langfristige Betreuung gehört zur Versorgung

Symbolbild einer Kontaktlinse neben einem Kalender mit markiertem Nachkontrolltermin
Regelmäßige Kontrollen gehören zur Versorgung. Symbolbild aus unserem Beitrag über Nachkontrollen bei Sklerallinsen.

Eine Kontaktlinsenabgabe ist nicht der Abschluss der Betreuung. Bei uns gehören vereinbarte Verlaufskontrollen und regelmäßige Erinnerungen dazu. Dabei betrachten wir nicht nur den gemessenen Visus, sondern auch die nutzbare Tragezeit, den Zustand der Linsen, die Handhabung und die Befunde am Auge. Je nach Fragestellung ergänzen Spaltlampe, digitale Fotografie, Topografie und OCT die Beurteilung.

Benetzungstropfen oder andere unterstützende Maßnahmen können sinnvoll sein. Sie sollten aber einen nachvollziehbaren Zweck haben und bei wiederkehrenden Beschwerden die Ursachenprüfung nicht ersetzen.

Eine erfolgreiche Versorgung zeigt sich nicht allein unmittelbar nach dem Aufsetzen, sondern im Alltag und im Verlauf. Dazu gehören die passende Kontaktlinse, verständliche Anleitung und eine Betreuung, die Veränderungen rechtzeitig aufgreift.

Bei Schmerzen, deutlicher Rötung, Lichtempfindlichkeit oder plötzlich schlechterem Sehen sollten Kontaktlinsen abgesetzt und die Beschwerden zeitnah augenärztlich abgeklärt werden. Solche Zeichen gehören nicht zur normalen Eingewöhnung. Moorfields Eye Hospital