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Keratokonus: Stadieneinteilung und Verlaufskontrolle

Der Augenoptikermeister

Keratokonus: Stadieneinteilung und Verlaufskontrolle

Pentacam-Demobeispiel mit Hornhautvorderfläche, Hornhautrückfläche und getrennten ABCD-Komponenten

„Welches Stadium hat mein Keratokonus?“ Die Frage ist verständlich. Eine Zahl verspricht Orientierung: Wie ausgeprägt ist die Veränderung, was bedeutet sie für das Sehen und wie geht es weiter?

Für meine Arbeit in der optischen Hilfsmittelversorgung ist die Stadieneinteilung eine wichtige Information. Sie beantwortet aber nicht alles. Mich interessiert ebenso, wie sich die Hornhaut entwickelt, was Epithel und Stroma zeigen und welche Sehqualität im Alltag tatsächlich erreicht wird. Gerade bei der Anpassung von Spezialkontaktlinsen und Sklerallinsen gehört das zusammen.

Nicht jede Stadienzahl bedeutet dasselbe

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung verglich vier Systeme: eine keratometrische Skala, Amsler–Krumeich, Alió–Shabayek und den Keratoconus Severity Score. Von 455 untersuchten Keratokonusaugen ließen sich nur 111 gleichzeitig nach allen vier Systemen einordnen. Die Übereinstimmung war insgesamt gering; selbst das am besten übereinstimmende Paar erreichte nur eine moderate Übereinstimmung. Die untersuchten Systeme waren deshalb nicht beliebig austauschbar. Originalarbeit zur Stadieneinteilung

Das bedeutet nicht, dass Stadien nutzlos sind. Entscheidend ist, nach welchem System und anhand welcher Befunde sie bestimmt wurden. Die Studie untersuchte außerdem nicht sämtliche heutigen Verfahren: Die ABCD-Klassifikation war beispielsweise nicht dabei.

ABCD betrachtet die Krümmung der Hornhautvorder- und -rückfläche, die dünnste Hornhautstelle und die bestkorrigierte Fernsehschärfe getrennt. Das verdeutlicht, dass Schweregrad mehrere Dimensionen hat. Auch eine solche Einordnung ist zunächst eine Beschreibung des Zustands; für eine Verlaufsbeurteilung braucht es vergleichbare Untersuchungen über die Zeit. Erläuterung des ABCD-Systems durch seine Autoren

Für einen Befundbericht ist „Stadium II“ allein daher wenig aussagekräftig. Das verwendete System, die zugrunde liegenden Messwerte und der Bezug zu früheren Untersuchungen machen die Angabe erst nachvollziehbar.

Pentacam-Demobeispiel mit Hornhautvorderfläche, Hornhautrückfläche und getrennten ABCD-Komponenten
Pentacam-Demodatensatz aus unserem Fachartikelarchiv: Vorderfläche, Rückfläche und Hornhautdicke werden getrennt dargestellt. Die ABC-Komponenten fallen unterschiedlich aus; das Feld für den Fernvisus D ist in diesem Beispiel nicht ausgefüllt. Das bedeutet „nicht eingetragen“, nicht „kein Sehvermögen“. Die Aufnahme zeigt einen Zustand, keinen zeitlichen Verlauf.

Belin-Ambrósio, ABCD und Verlauf: ähnlich benannt, anders gemeint

Bei Pentacam-Auswertungen begegnen uns mehrere Begriffe, die leicht verwechselt werden können. Das Belin-Ambrósio Enhanced Ectasia Display, kurz BAD, kombiniert unter anderem Informationen zu Hornhauthöhe und Dickenverteilung. Der zusammenfassende BAD-D-Wert unterstützt die Erkennung auffälliger Hornhautformen. Er ist weder eine Stadiennummer noch der D-Bestandteil der ABCD-Klassifikation. Originalarbeit zur Validierung des Belin-Ambrósio-Displays

Auch das Wort „Progression“ braucht hier eine Erklärung: Der pachymetrische Progressionsindex beschreibt die räumliche Dickenzunahme von der dünnsten Stelle in Richtung Hornhautperipherie. Er meint nicht automatisch eine Verschlechterung zwischen zwei Untersuchungsterminen. Ebenso vergleichen die Differenzkarten im BAD unterschiedliche Referenzflächen derselben Untersuchung, nicht zwei Zeitpunkte.

Eine zeitliche Gegenüberstellung ist eine andere Aufgabe. Dafür können mehrere Untersuchungen beispielsweise im Belin-ABCD-Progressionsdisplay verglichen werden. Erst mit diesem Zeitbezug und der Berücksichtigung der Messunsicherheit entsteht eine Verlaufsbeurteilung. Offizieller Pentacam-Interpretationsleitfaden, Abschnitte zu BAD, Staging und Verlauf

Belin-Ambrósio-Demobeispiel mit Höhenkarten, Hornhautdickenverteilung und BAD-D-Wert
Belin-Ambrósio-Auswertung desselben Demodatensatzes. Die Höhen- und Differenzkarten sowie die Dickengraphen beschreiben verschiedene Aspekte einer Untersuchung. Die Graphen zeigen räumliche Dickenprofile, keine Entwicklung über Monate oder Jahre. Sie sind auch keine getrennten Epithel- oder Stromakarten.

Drei Fragen, die wir auseinanderhalten müssen

Wie ausgeprägt ist der Keratokonus heute? Hier geht es um den aktuellen Befund: Form, Dicke und Transparenz der Hornhaut, ihre optischen Eigenschaften und die erreichbare Sehschärfe.

Verändert sich die Hornhaut? Das ist die Frage nach dem Verlauf. Eine unveränderte Stadienzahl schließt kleinere relevante Veränderungen nicht aus. Umgekehrt beweist ein abweichender Einzelwert noch kein Fortschreiten. Messschwankungen müssen von tatsächlichen Veränderungen unterschieden werden; dabei ist nicht nur die Vorderfläche wichtig. Grundlagen der tomographischen Verlaufsbeurteilung

Wie gut funktioniert die optische Versorgung? Dafür prüfen wir Sehqualität, Sitz und Verträglichkeit der Kontaktlinsen, die mögliche Tragezeit und den Umgang im Alltag. Ein guter Sehwert mit einer Sklerallinse ist ein wichtiges Versorgungsergebnis. Er ersetzt aber nicht die Kontrolle der Hornhaut.

In unseren Berichten möchte ich diese Ebenen erkennbar trennen. „Mit Sklerallinse gut versorgt“ soll nicht versehentlich als „der Keratokonus ist sicher stabil“ gelesen werden.

Epithel und Stroma: die Hornhaut schichtweise betrachten

Das Epithel ist die äußerste Zellschicht der Hornhaut. Darunter liegt das Stroma, das den größten Anteil ihrer Dicke ausmacht. Beide Schichten sind für die Einordnung wichtig: Die Form der tieferen Hornhautstruktur bildet sich nicht immer unverändert an der Oberfläche ab.

Das Epithel kann lokale stromale Unregelmäßigkeiten teilweise ausgleichen. Bei Keratokonus findet sich häufig ein dünnerer Bereich über der Vorwölbung mit dickeren angrenzenden Zonen. Deshalb betrachten wir nicht nur einen zentralen Zahlenwert, sondern die räumliche Verteilung. Untersuchung zu Epithelmustern bei Keratokonus und kontaktlinsenbedingten Formveränderungen

Eine Querschnittsstudie von 2026 mit 396 Augen untersuchte die Dickenunterschiede zwischen dem Epithel an der Kegelspitze und benachbarten Messpunkten. Bei Keratokonus waren diese Unterschiede ausgeprägter als bei regelmäßigem Astigmatismus, auch in frühen Stadien. Das unterstützt den Blick auf Muster statt Einzelwerte. Es zeigt jedoch keine Veränderung über die Zeit; die Messgrenzen lassen sich auch nicht ungeprüft auf andere OCT-Systeme übertragen. Originalarbeit zu epithelialen Dickengradienten

Im Verlauf müssen wir auch das Stroma beachten

Besonders interessant ist eine kleine Fallserie von 2026: Bei 14 Augen von Menschen mit sehr asymmetrischer Ektasie wurden über durchschnittlich 54 Monate unter anderem die Hornhautschichten verfolgt. Die untersuchten Augen erschienen anfangs klinisch und topographisch unauffällig. In einer Teilgruppe mit auffälligen Ausgangsindizes zeigte sich später eine stromale Ausdünnung, während die epithelialen Veränderungen insgesamt klein und uneinheitlich waren. Originalarbeit zum Verlauf von Epithel und Stroma

Eine weitgehend unveränderte Epithelkarte schließt Veränderungen im Stroma also nicht aus. Diese kleine, besondere Patientengruppe erlaubt keine allgemeine Vorhersage. Sie liefert aber einen guten Grund, beide Schichten im Verlauf zu betrachten.

Für meine Dokumentation ergeben sich daraus konkrete Fragen: Liegen auffällige Bereiche an derselben Stelle wie zuvor? Verändert sich vor allem das Epithel, das Stroma oder beides? Passt die Beobachtung zu Hornhautform, Gesamtdicke, Spaltlampenbefund und Sehwerten?

In Hochheim nutzen wir dafür ergänzend die Schichtmessungen unseres REVO 60. Wie diese Messung funktioniert und wo ihre Grenzen liegen, erläutere ich im Beitrag zur Epitheldickenmessung mit OCT.

Die oben gezeigten Pentacam-Auswertungen und die OCT-Schichtmessungen beantworten dabei unterschiedliche Fragen. Eine Karte der gesamten Hornhautdicke lässt sich nicht als Epithel- oder Stromaverlauf lesen. Dafür benötigen wir die entsprechenden OCT-Aufnahmen und deren nachvollziehbaren Vergleich.

Ein sinnvoller Vergleich braucht vergleichbare Messungen

Zwei farbige Karten nebeneinander reichen nicht. Für unsere Verlaufskontrollen achten wir auf folgende Punkte:

  • Möglichst dasselbe Gerät, Messprotokoll und dieselbe Auswertungsregion verwenden; Softwarewechsel dokumentieren.
  • Kontaktlinsentragezeit, Zeitpunkt des Absetzens und eine gegebenenfalls vereinbarte Linsenpause festhalten.
  • Benetzung, Bildqualität und Zentrierung prüfen; auffällige Messungen gegebenenfalls wiederholen.
  • Die automatisch erkannten Schichtgrenzen in den OCT-Querschnitten kontrollieren.
  • Werte und Ortsbezug vergleichen, nicht nur Farben: Unterschiedliche Farbskalen können Veränderungen größer oder kleiner erscheinen lassen.

Das ist unser Vorgehen zur nachvollziehbaren Dokumentation, keine Liste allgemeingültiger Progressionsgrenzwerte. Die Wiederholbarkeit einer Epithelmessung hängt unter anderem von Gerät, Messregion und Hornhautzustand ab. Studie zur Wiederholbarkeit von OCT-Epithelkarten

Was bedeutet das für die Sklerallinsenversorgung?

Für die Anpassung lautet meine Frage nicht: „Welche Kontaktlinse gehört zu diesem Stadium?“ Sondern: „Welche optische Hilfsmittelversorgung passt zu diesem Auge und zu diesem Menschen?“

Dazu gehören die bisherigen Erfahrungen mit Brille und Kontaktlinsen ebenso wie Sehziele, Augenoberfläche, Handhabung und Tragealltag. Bei Sklerallinsen prüfen wir die Überbrückung der Hornhaut und die Auflage außerhalb der Hornhaut, die optische Korrektur und das Verhalten nach Tragezeit.

Auch eine asymmetrische, quadrantenspezifische oder Freiformsklerallinse ist für mich kein automatisches Ergebnis einer Stadienzahl. Messdaten helfen bei der Planung. Ob die Versorgung funktioniert, müssen wir am Auge und im Alltag überprüfen. Diese herstellerneutrale Sicht beschreibe ich auch in unserem Beitrag über Freiformsklerallinsen in der Praxis.

Gute Dokumentation verbindet Anpassung und Nachbetreuung

Deshalb endet unsere Versorgung nicht mit „Melden Sie sich, wenn etwas ist“. Wir vereinbaren Kontrollen und erinnern daran. In individuellen Berichten halten wir Ausgangslage, Sehwerte, relevante Messbefunde, Erfahrungen mit den Sklerallinsen und den weiteren Kontrollplan fest. Mit entsprechender Einwilligung unterstützen diese Berichte auch den Austausch mit den betreuenden Augenärztinnen und Augenärzten.

Meine Aufgabe als Augenoptikermeister ist die optische Hilfsmittelversorgung mit sorgfältiger Anpassung und Nachbetreuung. Die ärztliche Diagnose, die medizinische Bewertung einer möglichen Progression und Entscheidungen etwa über ein Crosslinking gehören in augenärztliche Hände. Auffällige Veränderungen geben wir zur Abklärung weiter. Mehr dazu auf unserer Seite für Augenärzte und Kliniken.

Fazit: Ein Stadium gibt Orientierung, der Verlauf gibt Zusammenhang

Eine Stadienzahl ist ein Anfang, keine vollständige Beschreibung. Für mich gehören Hornhautform, Epithel, Stroma, Veränderungen über die Zeit und die tatsächliche Sehqualität zusammen. Erst daraus entsteht eine Versorgung, die nicht nur bei der Abgabe überzeugt, sondern auch aufmerksam weiter begleitet wird.