Pädiatrische Aphakie: Was eine Langzeitstudie zur Kontaktlinsenversorgung zeigt

Formstabile gasdurchlässige Kontaktlinsen blieben in einer 2026 veröffentlichten Studie für viele Kinder über Jahre eine praktikable optische Korrektion. Die Ergebnisse zeigen zugleich, warum eine pädiatrische Kontaktlinsenversorgung ohne engmaschige Kontrollen nicht vollständig ist.
Fehlt einem kindlichen Auge die natürliche Augenlinse, spricht man von Aphakie. Nach einer Linsenentfernung muss die fehlende Brechkraft optisch ausgeglichen werden. Kontaktlinsen können dabei eine wichtige Rolle spielen, gerade wenn sehr hohe Pluswirkungen erforderlich sind oder eine Brille optisch und im Alltag an Grenzen stößt.
Bei Kindern geht es jedoch um mehr als einen guten Messwert am Tag der Abgabe. Das Auge wächst, die benötigte Kontaktlinsenstärke kann sich verändern und die visuelle Entwicklung ist zeitkritisch. Sitz, Oberfläche, Handhabung und Augenreaktion müssen deshalb über längere Zeit begleitet werden.
Kurz eingeordnet: Die Studie zeigt nicht, dass jedes Kind mit Aphakie eine formstabile Kontaktlinse tragen sollte oder dass Übernachttragen grundsätzlich empfehlenswert ist. Sie zeigt, dass diese Form der optischen Korrektion in einem spezialisierten Betreuungskonzept langfristig praktikabel sein kann.
Was wurde untersucht?
Leeson und Mitarbeitende werteten rückblickend die Daten von Kindern aus, die nach einer Linsenentfernung mit formstabilen gasdurchlässigen Hornhautkontaktlinsen versorgt worden waren. Kinder mit einer primär eingesetzten Intraokularlinse wurden nicht eingeschlossen.
Die wichtigsten Eckdaten:
- 113 aphake Augen bei 73 Kindern,
- 40 Kinder mit beidseitiger und 33 mit einseitiger Linsenentfernung,
- medianes Alter bei der Operation: 19 Wochen,
- mediane augenärztliche Nachbeobachtung: 5,5 Jahre,
- formstabile Kontaktlinsen in einem 7-Tage-Dauertrageschema.
Die Daten stammen aus einer retrospektiven Aktenauswertung. Das bedeutet: Die Forschenden analysierten bereits erfolgte Versorgungen. Es handelte sich nicht um eine randomisierte Vergleichsstudie verschiedener Kontaktlinsenarten oder Trageschemata.
Welche Ergebnisse sind besonders interessant?
Bei der letzten Untersuchung nutzten 63 Prozent der Kinder weiterhin formstabile Kontaktlinsen als primäre optische Aphakiekorrektion. Eine sekundäre Intraokularlinse wurde im Median im Alter von 4,7 Jahren eingesetzt.
Korneale infiltrative Ereignisse wurden bei 5,3 Prozent der Augen dokumentiert. Das entsprach sechs Augen beziehungsweise 0,97 Ereignissen pro 100 Augenjahre. Alle Ereignisse klangen nach lokaler medizinischer Versorgung ab; visuell relevante Folgeschäden waren in den ausgewerteten Unterlagen nicht dokumentiert.
Die mediane postoperative Sehschärfe war in der Gruppe mit beidseitiger Linsenentfernung besser als in der einseitigen Gruppe. Dieses Gruppenergebnis ist kein Versprechen für ein einzelnes Kind. Die Autoren ordnen den Unterschied im Zusammenhang mit dem bekannten Amblyopierisiko einer einseitigen visuellen Deprivation im Kindesalter ein.
Langfristig praktikabel bedeutet nicht risikofrei
Die Überschrift der Studie darf nicht verkürzt als allgemeine Freigabe für das Dauertragen gelesen werden. Untersucht wurde ein konkretes pädiatrisches Versorgungskonzept in einem spezialisierten klinischen Umfeld. Die dokumentierten kornealen Ereignisse sind gerade ein Argument für aufmerksame Kontrollen und Vorsicht beim Übernachttragen.
Die Studie beantwortet außerdem nicht:
- welche Kontaktlinsenart für jedes einzelne Kind am besten geeignet ist,
- ob ein 7-Tage-Trageschema auf andere Versorgungssituationen übertragbar ist,
- welche Sehschärfe ein bestimmtes Kind erreichen wird,
- wie sich zusätzliche Befunde wie Nystagmus im Einzelfall auswirken,
- ob eine spätere Intraokularlinse notwendig oder sinnvoll sein wird.
Diese Entscheidungen und Prognosen gehören in die augenärztliche Betreuung. Die Studie liefert dafür wertvolle Langzeitdaten, aber keine fertige Anleitung für den Einzelfall.
Was eine gute Kontaktlinsennachsorge leisten muss
Eine Kontaktlinse für ein aphakes Kinderauge ist kein Produkt, das einmal angepasst und anschließend sich selbst überlassen wird. Im Verlauf können unter anderem folgende Punkte wichtig werden:
- Sehschärfe und erforderliche Kontaktlinsenstärke,
- Zentrierung, Bewegung und Sitz der Kontaktlinse,
- Zustand von Hornhaut, Bindehaut und Lidern,
- Ablagerungen, Kratzer und Benetzbarkeit der Oberfläche,
- tägliche Tragezeit und Verträglichkeit,
- sichere Handhabung und Hygiene durch die Bezugspersonen,
- Ersatz bei Verlust, Beschädigung oder veränderten Parametern.
Die medizinische Beurteilung der Aphakie, der Augenentwicklung und möglicher Komplikationen bleibt Aufgabe der betreuenden Augenärztinnen und Augenärzte. Meine Aufgabe als Augenoptikermeister ist die optische Kontaktlinsenversorgung: sorgfältige Anpassung, nachvollziehbare Dokumentation, geplante Nachkontrollen und die Rückmeldung an die augenärztliche Praxis oder Klinik, wenn dies vereinbart und erforderlich ist.
Meine Einordnung
Die Studie bestätigt einen Grundsatz, der in der Spezialkontaktlinsenanpassung besonders wichtig ist: Der Wert einer Versorgung zeigt sich nicht allein an der ersten guten Sehschärfe. Entscheidend ist, ob die Kontaktlinse langfristig tragbar bleibt, auf Veränderungen reagiert wird und Kontrollen tatsächlich stattfinden.
Dass nach median 5,5 Jahren noch 63 Prozent der Kinder formstabile Kontaktlinsen als primäre Aphakiekorrektion nutzten, ist ein starkes Signal für die grundsätzliche Tragfähigkeit dieses Versorgungswegs. Die beobachteten Hornhautereignisse setzen zugleich ein ebenso starkes Gegengewicht: Langfristiger Erfolg braucht konsequente Nachsorge.
Genau deshalb erhalten Patientinnen, Patienten und Eltern bei uns nicht die Aussage: „Melden Sie sich, wenn etwas ist.“ Kontrollen werden fest eingeplant und regelmäßig erinnert. Bei einer pädiatrischen Aphakie ist das keine Zugabe, sondern Teil einer verantwortungsvollen optischen Versorgung.
Für Augenärztinnen, Augenärzte und Kliniken sind die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf der Seite Informationen für Augenärzte und Kliniken zusammengefasst.
Studie und weiterführender Beitrag
- Leeson L, Webber A, Barkley M, Sharma R, Nguyen V, Dai S. Outcomes of rigid gas permeable contact lens correction in paediatric aphakia. Contact Lens & Anterior Eye. 2026;49(4):102681. DOI: 10.1016/j.clae.2026.102681.
- Lisa Meinl hat die Ergebnisse im DOZ-Portal auf Deutsch zusammengefasst: Pädiatrische Aphakie: Kontaktlinsenversorgung auch langfristig praktikabel.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt weder eine augenärztliche Untersuchung und Verlaufskontrolle noch eine individuelle Kontaktlinsenanpassung. Bei Schmerzen, Rötung, Lichtscheu oder plötzlicher Sehverschlechterung ist eine zeitnahe augenärztliche Abklärung erforderlich.