Theodor-Stern-Kai 7, Haus 8b 60596 Frankfurt am Main Uniklinik Frankfurt (Augenheilkunde)
(+49) 0176 22856872
info@geromayer.de

Freiform-Sklerallinsen in der Praxis: Erfahrungen aus 24 Ausmessungen

Der Augenoptikermeister

Freiform-Sklerallinsen in der Praxis: Erfahrungen aus 24 Ausmessungen

Nahaufnahme eines Auges mit Sklerallinse und abstrahierten Linien einer individuellen Freiformfläche

Bei der Anpassung individueller Sklerallinsen wird schnell über Geräte, Messpunkte und neue Software gesprochen. Für die Versorgung am Auge ist aber eine andere Frage entscheidend: Hilft uns die zusätzliche Information dabei, eine Sklerallinse nachvollziehbarer, reproduzierbarer und für den Alltag besser zu gestalten?

Mit dieser Frage vertiefen und systematisieren wir seit einiger Zeit unsere Erfahrung mit Freiformsklerallinsen. Die ausgewertete Arbeitsdokumentation umfasst 24 korneo-sklerale Ausmessungen; weitere Fälle waren zum Zeitpunkt der Auswertung noch nicht abgeschlossen. Im selben Arbeitszeitraum weisen die vorhandenen Lieferscheine 24 reguläre Sklerallinsenbestellungen und zusätzlich 7 nach gezielten Änderungen gefertigte Sklerallinsen aus – insgesamt 31 ausgelieferte Sklerallinsen. Dafür haben wir unterschiedliche Verfahren zur Oberflächenvermessung genutzt und die daraus abgeleiteten Freiformsklerallinsen konsequent am Auge kontrolliert.

Zahlen zur Einordnung: 24 dokumentierte Ausmessungen · 24 reguläre Sklerallinsenbestellungen · 7 nach gezielten Änderungen zusätzlich gefertigte Sklerallinsen · 31 ausgelieferte Sklerallinsen insgesamt

Diese Zahlen sind keine Erfolgsquote. Eine ausgelieferte Sklerallinse ist nicht automatisch eine abgeschlossene Versorgung, und eine nach einer gezielten Änderung zusätzlich gefertigte Sklerallinse ist nicht automatisch ein Misserfolg. Gerade die offenen Verläufe und begründeten Änderungen gehören zu dem Lernprozess, über den wir hier berichten.

Als nächster Schritt ist eine zeitlich begrenzte Testphase vorgesehen, in der wir ein erweitertes Messverfahren unter Praxisbedingungen prüfen.

Das ist für uns kein Wechsel von „konventionell“ zu „modern“. Torische, quadrantenspezifische, asymmetrische und über viele einzelne Parameter gesteuerte Sklerallinsen bleiben wichtige Werkzeuge. Die Freiformgeometrie einer Sklerallinse erweitert diese Möglichkeiten dort, wo sich die Form eines Auges nicht sinnvoll in wenige regelmäßige Zonen oder Achsen übersetzen lässt.

Was wir hier mit Freiformsklerallinsen meinen

Der Begriff „Freiform“ wird in verschiedenen Bereichen der Optik verwendet. In diesem Beitrag meinen wir damit eine Freiformsklerallinse: eine Sklerallinse, deren individuelle Geometrie aus den Messdaten der korneo-skleralen Augenoberfläche abgeleitet und gefertigt wird. Sie ist nicht auf eine rein rotationssymmetrische Form oder auf wenige fest definierte Sektoren beschränkt. Ziel ist, die Geometrie der Sklerallinse kontrolliert an die gemessene Form der Hornhaut und der korneo-skleralen Augenoberfläche anzunähern.

Dabei sind zwei Dinge wichtig:

  • Nicht jede individuell gefertigte Sklerallinse ist automatisch eine Freiformsklerallinse.
  • Eine Freiformsklerallinse ist nicht automatisch die bessere Sklerallinse.

Wenn eine rotationssymmetrische oder torische Sklerallinse stabil sitzt, die Hornhaut sicher überbrückt und im Tagesverlauf gut vertragen wird, gibt es keinen fachlichen Grund, zusätzliche Komplexität einzubauen. Eine Freiformsklerallinse wird dann interessant, wenn die zusätzlichen Freiheitsgrade ein konkretes Anpassproblem lösen können.

Die Grundlage: Erfahrung mit komplexen Sklerallinsen

Auch vor den ersten scanbasierten Freiformsklerallinsen haben wir komplexe Sklerallinsen nicht nur über Basiskurve und Stärke angepasst. Je nach Befund arbeiten wir mit unterschiedlichen Durchmessern, sagittalen Höhen, optischen Zonen, peripheren Radien, torischen Auflagezonen, quadrantenspezifischen Änderungen und lokal asymmetrischen Geometrien.

Diese Erfahrung bleibt die Grundlage. Denn Messdaten erklären nicht von selbst, welches Sklerallinsendesign richtig ist. Sie müssen in eine konkrete Anpassentscheidung übersetzt werden: Wo soll die Sklerallinse Abstand halten? Wo darf sie sich abstützen? Wie verhält sie sich am Limbus? Dezentriert sie? Entstehen nach mehreren Stunden Druck, Gefäßabblassung, Einschnürung oder eine Luftblase? Bleibt die optische Zone dort, wo sie gebraucht wird?

Die Freiformsklerallinse ist deshalb für uns keine Abkürzung an der Anpasserfahrung vorbei. Sie ist eine weitere Möglichkeit, eine komplexe Augenoberfläche in eine konkrete Sklerallinsengeometrie zu übersetzen.

Wie Messung, Sklerallinsen-Messlinse, Feinanpassung und Nachsorge grundsätzlich zusammenspielen, beschreiben wir ausführlich im Beitrag Ablauf einer Sklerallinsenanpassung – Schritt für Schritt erklärt.

Von der Oberflächenmessung zur kontrollierten Testphase

Mit korneo-skleralen Messverfahren lässt sich neben der Hornhaut auch das Profil der angrenzenden Augenoberfläche erfassen. Für eine Sklerallinse sind besonders die sagittalen Höhen, die Asymmetrie und die Form der späteren Auflagezone interessant. Wir haben verschiedene Messwege eingesetzt, um diese Daten in den Anpassprozess einzubeziehen und praktische Erfahrung mit scanbasierten Freiformsklerallinsen zu sammeln.

Die Systeme liefern jedoch nicht einfach einen fertigen Bestellwert. Schon die Aufnahme selbst ist ein Teil der Anpassung. Lidöffnung, Fixation, Benetzung, Messabdeckung, Bewegungsartefakte und die Wiederholbarkeit der Messung beeinflussen, wie belastbar das errechnete Oberflächenmodell ist. Eine farblich eindrucksvolle Karte kann trotzdem unbrauchbar sein, wenn entscheidende Bereiche fehlen oder mehrere Messungen desselben Auges nicht zusammenpassen.

Anonymisierte korneo-sklerale Auswertung mit Querschnitt und Höhenkarte der Augenoberfläche
Anonymisierter Ausschnitt einer korneo-skleralen Auswertung. Querschnitt und Höhenkarte ergänzen sich bei der Beurteilung der Augenoberfläche.

In der weiteren Testphase wollen wir deshalb nicht nur prüfen, wie schnell ein Scan entsteht. Uns interessieren vor allem fünf praktische Fragen:

  1. Wie vollständig lässt sich die für die jeweilige Sklerallinse relevante Augenoberfläche erfassen?
  2. Wie reproduzierbar sind wiederholte Messungen unter Praxisbedingungen?
  3. Wie gut lassen sich Artefakte erkennen, bevor sie in das Sklerallinsendesign einfließen?
  4. Wie nachvollziehbar ist der Weg von der Messung zur tatsächlich gefertigten Geometrie?
  5. Wie gut stimmt das rechnerische Modell mit Sitz, Gewebereaktion und Trageverhalten am Auge überein?

Erst die letzte Frage entscheidet über den praktischen Wert.

Ein Arbeitsmodell statt einer Rangliste

Die verschiedenen Geometrien stehen für uns nicht in einer Hierarchie. Sie beantworten unterschiedliche Formprobleme:

Geometrischer AnsatzWann er sinnvoll sein kann
RotationssymmetrischWenn die Sklerallinse zentriert, gleichmäßig und ohne lokale Belastung sitzt
TorischWenn sich die Auflage im Wesentlichen durch zwei Hauptmeridiane beschreiben lässt
QuadrantenspezifischWenn einzelne Bereiche gezielt steiler, flacher, höher oder niedriger gestaltet werden müssen
Asymmetrisch mit mehreren ParameternWenn mehrere lokale Abweichungen getrennt und gut kontrollierbar korrigiert werden können
FreiformWenn die relevante Oberfläche kontinuierlich unregelmäßig ist und eine ausreichend gute Messgrundlage vorliegt

In der Praxis sind die Übergänge fließend. Eine Sklerallinse kann beispielsweise eine weitgehend regelmäßige zentrale Geometrie und zugleich eine asymmetrische oder frei gestaltete Auflagezone besitzen. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern ob die gewählte Geometrie das beobachtete Problem mit möglichst wenig unnötiger Komplexität löst.

Was wir aus der bisherigen Serie gelernt haben

1. Mehr Daten bedeuten zunächst mehr Verantwortung

Wer eine Oberfläche detaillierter misst, kann auch detailliertere Fehler übernehmen. Deshalb gehören Wiederholungsmessungen, Qualitätsprüfung und der Abgleich mit Spaltlampenbild, Fluoreszein und dem tatsächlichen Auge fest zum Ablauf.

2. Die berechnete Freiformsklerallinse ist ein Startpunkt, kein Endergebnis

Auch eine scanbasierte Freiformsklerallinse muss am Auge kontrolliert werden. Dabei beurteilen wir unter anderem zentrale und limbale Überbrückung, Auflagezone, Zentrierung, Bewegung, Gewebereaktion und das Verhalten nach dem Einsinken. Je nach Fragestellung ergänzt eine OCT-Aufnahme die äußere Beurteilung um einen Querschnitt unter der Sklerallinse. Welche Befunde dabei erst im Schnittbild sichtbar werden können, zeigt unser Beitrag Wenn die Sklerallinse die Hornhaut berührt: Was nur das OCT sichtbar macht.

Anonymisierte OCT-Aufnahme einer Sklerallinse mit Flüssigkeitsreservoir über der Hornhaut
Die berechnete Freiformsklerallinse bleibt ein Startpunkt: Im OCT lässt sich ihre Lage über der Hornhaut im Querschnitt kontrollieren.

3. Die Augenoberfläche ist kein starres Bauteil

Die Messung erfolgt ohne Sklerallinse. Getragen wird die Sklerallinse auf lebendem, nachgiebigem Gewebe. Bindehaut und Sklera reagieren auf Druck, Lider beeinflussen Position und Rotation, und die Sklerallinse kann sich über Stunden setzen. Eine geometrisch plausible Sklerallinsengeometrie kann deshalb trotzdem nachkontrolliert oder verändert werden müssen.

4. Viele Parameter sind nur dann ein Vorteil, wenn ihr Zweck klar ist

Eine Sklerallinse wird nicht hochwertiger, weil ihre Bestellung besonders lang ist. Jeder zusätzliche Parameter sollte auf eine Beobachtung, eine Messung oder ein klar definiertes Ziel zurückgehen. Das hält spätere Änderungen nachvollziehbar.

5. Freiform ersetzt die bewährten Geometrien nicht

Wir passen weiterhin rotationssymmetrische, torische, quadrantenspezifische und asymmetrische Sklerallinsen an. Gerade wenn ein Problem mit wenigen gezielten Änderungen gut beschrieben werden kann, ist eine parametergesteuerte Sklerallinsengeometrie oft sehr transparent. Die Freiformsklerallinse kommt dort hinzu, wo diese Beschreibung zu grob wird.

6. Zusätzlich gefertigte Sklerallinsen gehören zum Anpassprozess

Eine möglichst gute erste Sklerallinse ist wünschenswert. Entscheidend sind am Ende aber Sitz nach ausreichender Tragezeit, Sehqualität, Komfort, Handling, Tragezeit und eine unauffällige Augenoberfläche. Ein kompliziertes Auge kann trotz guter Ausgangsmessung eine gezielte Korrekturschleife benötigen. Die sieben dokumentierten Sklerallinsen, die nach gezielten Änderungen zusätzlich gefertigt wurden, sind deshalb keine Randnotiz, sondern ein wichtiger Teil der Auswertung.

Unsere bisherigen Verläufe zeigen bewusst keine einheitliche Erfolgsgeschichte. Darunter waren Versorgungen mit sehr gutem Visus, ruhigem Sitz und hoher Zufriedenheit. Es gab aber ebenso erste Sklerallinsen mit Rotation, Beschlagen, lokaler Gefäßkompression oder zu großer zentraler Überbrückung. Gerade diese Unterschiede machen deutlich, warum ein digitales Oberflächenmodell die Kontrolle am Auge nicht ersetzt.

Bislang sehen wir auch nicht bei jedem Auge automatisch eine höhere Ersttrefferquote oder einen kürzeren Anpassweg. Bei manchen Versorgungen liegt die erste Geometrie bereits sehr nah am Ziel, bei anderen bleibt gezielte Nacharbeit notwendig. Zeitersparnis oder weniger Änderungsschleifen wollen wir deshalb erst dann als Vorteil benennen, wenn sich das in einer strukturierten Auswertung tatsächlich zeigt.

Für welche Augen kann Freiform besonders interessant sein?

Eine Freiformsklerallinse kann geprüft werden, wenn konventionellere Sklerallinsengeometrien an nachvollziehbare Grenzen kommen – zum Beispiel bei stark unregelmäßiger korneo-skleraler Form, deutlicher Dezentrierung, lokalem Abstehen, wiederkehrenden Luftblasen oder umschriebenen Druckzonen. Auch besondere Erhebungen oder Veränderungen der Augenoberfläche können eine lokal sehr differenzierte Gestaltung der Sklerallinse erforderlich machen.

Das bedeutet nicht, dass jede Person mit Keratokonus automatisch eine Freiformsklerallinse benötigt. Die Diagnose allein entscheidet nicht über das Sklerallinsendesign. Ausschlaggebend sind die individuelle Form, das Verhalten der Sklerallinse am Auge, die Sehaufgabe und die Verträglichkeit im Alltag.

Was die weitere Erprobung zeigen soll

Die weitere Testphase ist für uns vor allem eine Gelegenheit, den bisherigen Ablauf kritisch weiterzuentwickeln. Wir wollen Messungen und reale Sklerallinsensitze strukturiert gegenüberstellen, Auffälligkeiten dokumentieren und nachvollziehen, an welchen Stellen die erweiterte Oberflächenvermessung den Prozess verbessert – und wo weiterhin Sklerallinsen-Messlinse, Spaltlampe, Fluoreszein, OCT und Erfahrung entscheiden.

Eine belastbare Bewertung entsteht nicht aus einem gelungenen Einzelfall. Sie entsteht aus wiederholbaren Messungen, unterschiedlichen Augenformen und der ehrlichen Dokumentation von Treffern ebenso wie von notwendigen Änderungen. Genau darüber werden wir nach der Testphase berichten.

Unser Zwischenfazit

Nach 24 dokumentierten Ausmessungen, 24 regulären Sklerallinsenbestellungen und 7 nach gezielten Änderungen zusätzlich gefertigten Sklerallinsen ist für uns klar: Messdatenbasierte Sklerallinsengeometrien erweitern die Möglichkeiten bei komplexen Augen deutlich. Ihr Nutzen liegt nicht darin, die Sklerallinsenanpassung zu automatisieren. Ihr Nutzen liegt darin, Formen sichtbar und gestaltbar zu machen, die mit wenigen Standardparametern nur unvollständig beschrieben werden können.

Genauso klar ist aber: Die Messung bleibt ein Modell. Die fertige Sklerallinse muss sich am Auge bewähren. Deshalb verbinden wir Freiformdaten weiterhin mit den klassischen Kontrollen und mit torischen, quadrantenspezifischen oder gezielt asymmetrischen Sklerallinsendesigns, wenn diese für das jeweilige Auge die bessere Antwort sind.

Wer vorhandene Befunde oder bisherige Sklerallinsendaten zu einer komplexen Versorgung einordnen lassen möchte, kann dafür unsere bestehende Speziallinsen-Anfrage nutzen:

Transparenzhinweis: Einzelne Messsysteme wurden beziehungsweise werden uns zeitlich begrenzt zur praktischen Erprobung zur Verfügung gestellt. Die dargestellten Erfahrungen, Bewertungen und individuellen Anpassentscheidungen liegen bei uns.

Dieser Beitrag beschreibt unseren praktischen Lern- und Anpassprozess bei Freiformsklerallinsen. Er ersetzt keine augenärztliche Untersuchung und keine individuelle Sklerallinsenanpassung. Ergebnisse einzelner Versorgungen sind nicht ohne Weiteres auf andere Augen übertragbar.

Fachliche Quellen